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Liebe Gemeinde!
Weit vor der Geburt Christi hat der griechische Philosoph Sokrates gelebt. Einen Satz von ihm haben wir wahrscheinlich alle schon einmal gehört: »Ich weiß, dass ich nicht weiß.« Meistens wird der Satz falsch zitiert, das habe ich früher durchaus auch hinbekommen, dem Sokrates die Worte untergeschoben: »Ich weiß, dass ich nichts weiß.« Dieses kleine »s« hinter dem »nicht« ist falsch übersetzt: »Ich weiß, dass ich nicht weiß.«
Warum ist dieser Satz so bekannt geworden? Weil hier ein Philosoph, ein Denker, erkannt hat, mein Wissen hat Grenzen, ich werde niemals alles wissen. Und damit hat er nicht den erlernbaren Wissensstoff gemeint, sondern im Grunde die Kräfte, die diese Welt im Innersten zusammen halten.
Und nun kommt 400 Jahre später einer, der diese Weisheit des Sokrates weiterführt, sie in den Zusammenhang mit Gott stellt, der Apostel Paulus: Ja, es stimmt, ich bin begrenzt! Aber ich muss bei dieser Erkenntnis nicht stehen bleiben, denn in meine Begrenztheit wirkt der hinein, der ohne Grenzen ist, Gott!
Aus dem 2. Korintherbrief, Kapitel 12 ist die Jahreslosung entnommen, die uns durch das Jahr 2012 begleiten wird. Ein Wort der Bibel, dass wie ein guter Freund uns immer zur Seite steht. Gott spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Aus welch einem Zusammenhang kommen diese Worte? Da hat jemand, den Paulus kennt, das Paradies erblickt. Er ist entrückt worden, wohnte nicht mehr in sich selbst, und hat Unaussprechliches gehört, weil menschliche Worte göttliches Wesen einfach nicht wiedergeben können.
»So einen Menschen will ich rühmen«, sagt Paulus, »aber mich selbst nicht, denn ich bin schwach.« Und den Grund seiner Schwachheit führt er auch an, schreibt von einem Pfahl im Fleisch, »damit ich mich nicht überhebe.« Wahrscheinlich ist damit eine körperliche Behinderung gemeint, die ihm oft zu schaffen machte. Und wegen dieser Behinderung hat er dreimal Gott angefleht, dass das Gebrechen doch von ihm weiche. Daraufhin hat Gott ihm geantwortet: »Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Niemand von uns möchte ein Nichtwissender und ein Schwacher sein. Und wenn wir ehrlich mit uns sind, dann mögen wir unsere Schwächen gar nicht. Ich jedenfalls kann das von mir sagen. Ich ärgere mich jedes mal, wenn ich über eine meiner Schwächen stolpere und mir dann sagen muss: Warum ist Dir das wieder passiert oder warum konntest du wieder einmal nicht das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden? Und dann möchte man aus seiner Haut heraus können, und weiß doch, es geht nicht.
Ich sage jedenfalls lieber: Ja, das kann ich. Natürlich, das mache ich, darin bin ich wirklich gut - als: Oh je, da haben Sie mich aber auf dem falschen Fuß erwischt, da bin ich eine absolute Niete.
Ich frage mich allerdings, ob der Apostel unsere ach so menschlichen Schwächen wirklich meint? Oder ob hinter seinen Worten nicht noch ein anderer Gedanke steckt.
Denn Paulus weiß doch, dass wir nicht überall und immer gleich stark sind. Er ist ein Mensch ist wie du und ich, stark und schwach gehören zu uns. Und ist es nicht selbstverständlich, dass wir uns nicht mit einem himmelwärts gerichteten Seufzer auf unseren Schwächen ausruhen, ist eben so..., sondern nicht aufhören, an uns zu arbeiten.
Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Ich denke, es geht in unserem Gotteswort nicht um die Schwächen, die uns zu schaffen machen, sondern eher um eine Haltung. Sage ich: ich bin stark genug, ich brauche den lieben Gott in meinem Leben nicht, ich kann allein. Das würden wir nie so sagen? Ich entdecke jedenfalls immer wieder Züge an mir, wo ich Gott und sein Wort draußen lasse. Entscheidungen treffe, in die ich Gott eben nicht mit hinein nehme. Dabei möchte ich gerne so leben, dass mein Leben eingetaucht ist in einen Dialog mit Gott.
Diese Haltung: Gott, ich bin nicht so stark, dass ich mein Leben allein tragen könnte. Gott, ich bin nicht so stark, dass ich allein weiß, was göttlicher Wille und was menschliche Eitelkeit ist. Ich bin nicht so stark, dass ich auf dich verzichten könnte. Gott, ich bin nicht so stark, als dass ich deine Liebe nicht brauchte.
Wenn es um das Leben geht, bin ich immer wieder wie ein Anfänger.
Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Paulus möchte aus uns Christen keine Schwächlinge machen. Im Gegenteil: Er sagt: es ist eine großartige Erkenntnis, wenn du von dir sagen kannst: wer bin ich, dass ich sein könnte wie Gott? Die Fäden des Lebens in der Hand zu halten?
Wer bin ich, Gott in Frage zu stellen! Er ist der Schöpfer und ich sein Geschöpf. Er ist der Töpfer und ich der Ton.
In diesem Sinn zu seiner eigenen Schwachheit zu stehen, heißt nichts anderes, als erkannt zu haben: meine Schwachheit schenke ich Gott und sage zu ihm: Herr, fülle mich mit deiner Stärke, im Denken, Reden und Handeln.
Das will Paulus uns als Marschgepäck für das Jahr 2012 mitgeben: wo ich mich leer mache, von allem potentem Gehabe, und was ich alles kann und überhaupt, wenn ich nicht dabei bin, dann geht ja gar nichts. Nein, da, wo ich mich leer mache, um Gottes Größe anzuerkennen, Ehrfurcht nennt man das auch, da gebe ich Gott Raum, dass er sich in mir entfalten kann.
Fülle mich mit deiner Liebe, wo ich nicht lieben kann, dass deine Liebe in mir mächtig werde.
Fülle mich mit deiner Hoffnung, wo ich die Hoffnung verloren habe, damit deine Kraft in meiner Schwäche mächtig werde.
Fülle mich mit deinem Frieden, wo ich den Streit vom Zaun gebrochen habe, damit deine Kraft in meiner Schwäche mächtig werde.
Fülle mich mit deinem Geist, dass mein Urteil nicht immer zu kurz greift und den Menschen nicht gerecht wird, damit deine Kraft in meiner Schwäche mächtig werde.
Darum geht es, um diese Haltung, dass wir uns von uns selbst leer machen, damit Gottes Größe und Liebe uns stark machen kann, um diese Welt ein Stückchen zum Guten, zu Gott hin, zu verändern. Nicht die ganze Welt, das ist ein paar Nummern zu groß für mich, aber in meinem bescheidenen Rahmen, mit meinen begrenzten Möglichkeiten.
Und sagen wir nicht, wir könnten das nicht, doch! Denn Gott sagt: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Amen
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